Pflegerin des Jahres: Çağla Kurtçu – „Pflege kann mehr, als sie aktuell darf.“ #142 BGW-Podcast "Herzschlag - Für ein gesundes Berufsleben"
Wie sieht Pflege aus, wenn sie nah am Lebensalltag der Menschen stattfindet? In dieser Folge ist Çağla Kurtçu zu Gast: Gesundheits- und Krankenpflegerin, Community Health Nurse und Preisträgerin des Deutschen Pflegepreises 2025.
Çağla arbeitet in den Gesundheitshäusern und Gesundheitskiosken in Hamburg, wo Pflegefachpersonen Menschen niedrigschwellig beraten – ohne Termin, ohne Hürden und mit einem offenen Ohr. Die Beratung beginnt direkt am Tresen: Anliegen werden aufgenommen, Bedarfe geklärt und passende Unterstützung organisiert. Çağla erzählt, wie innovative Pflegekonzepte Versorgungslücken schließen können, warum Mehrsprachigkeit Vertrauen schafft und weshalb Pflege mehr Handlungsspielraum braucht. Außerdem berichtet sie von ihrem Ansatz „Talking by Walking“ und davon, warum Pflege dort ansetzen muss, wo Menschen im Gesundheitssystem sonst den Anschluss verlieren.
Hier kommen Sie zum Transkript dieser Folge
Moderator:
Viele, viele Menschen, die sorgen jeden Tag dafür, dass Kranke und Pflegebedürftige versorgt werden. Sie arbeiten Tag und Nacht und tragen enorm viel Verantwortung. Ohne sie gäbe es unser Gesundheitssystem, wie wir es kennen, nicht.
Neben den zahlreichen Familienangehörigen, die zu Hause pflegen, gibt es ungefähr 1,7 Millionen Menschen, die bei uns in Deutschland in der Pflege arbeiten. Eine davon ist Çağla Kurtçu. Sie wurde Ende 2025 mit dem Deutschen Pflegepreis ausgezeichnet.
Wer genau Çağla ist, was sie macht und warum sich die Jury für sie als Preisträgerin entschieden hat, das erfahrt ihr in dieser Folge.
Jingle:
Herzschlag! Für ein gesundes Berufsleben – der BGW-Podcast.
Moderator:
Çağla, hallo, schön, dass du da bist.
Çağla Kurtçu:
Ja, auch meinerseits ein Hallo. Vielen Dank für die Einladung. Ich freue mich, heute Teil des Podcasts zu sein.
Moderator:
Du bist Gesundheits- und Krankenpflegerin und hast eine pflegerische Leitungsfunktion in den Gesundheitshäusern und Gesundheitskiosken in Hamburg. Über deine Arbeit sprechen wir gleich noch ausführlicher.
Vorher möchte ich gerne wissen, ob für dich schon immer klar war, dass du in der Pflege arbeiten möchtest, oder bist du erst über Umwege in diesen Beruf gelandet? Und was sind überhaupt Gesundheitskioske? Krieg ich da gesunde Gummibärchen?
Çağla Kurtçu:
Die Entscheidung fiel eigentlich erst nach dem Abitur bei mir, dass ich Richtung Pflege gehen möchte und durch meine ehrenamtliche Arbeit in Pflegeheimen zum Beispiel oder in Krankenhäusern, so wie mein FSJ in einer Kinder- und Jugendpsychiatrie, habe ich gemerkt, dass ich eben mit Menschen arbeiten möchte. Deshalb war Pflege für mich ab dann kein Zufall, sondern eine bewusste Entscheidung.
Ich wollte mehr als reine Versorgung, nämlich echte Gesundheitsgestaltung im Alltag der Menschen, und Gesundheitskioske – viele gehen davon aus, ja, wir sind aber nicht ein Kiosk, wo man Gummibärchen bekommt oder Zigaretten, ganz im Gegenteil, wir sind eben eine Einrichtung, wo es Gesundheitsberatung gibt.
Moderator:
Da reden wir auf jeden Fall gleich noch mal genauer zu. Du hast dich direkt für ein duales Pflegestudium entschieden und bist diesen Weg sehr bewusst gegangen. Warum war dir das wichtig?
Çağla Kurtçu:
Ich wollte von Anfang an auf jeden Fall studieren und mein Wissen vertiefen. Das war für mich immer schon klar, aber auch gleichzeitig praxisnah bleiben.
Und das duale Studium, das duale System, hat mir genau das ermöglicht, quasi Theorie und Praxis über das gesamte Studium hinweg zu verbinden. Mir war dabei wichtig, dass Pflege früh als Profession, also dass ich das früher als Profession begreife, Verantwortung zu übernehmen und mir Handlungsspielräume zu erarbeiten. Das ist im Studium eben besser gegeben, und dieser Weg hat mein berufliches Selbstverständnis sehr geprägt.
Moderator:
Heute arbeitest du in den Gesundheitshäusern in Hamburg gemeinsam unter einem Dach mit Arztpraxen, Facharztpraxen, Therapeuten, einer Apotheke und einem Sanitätshaus. Sieht so vielleicht auch die moderne Versorgung aus, also direkt bei den Menschen vor Ort, oder gehört da schon noch mehr dazu? Ist ja ein Haus mit sehr kurzen Wegen.
Çağla Kurtçu:
Für mich ist das auf jeden Fall ein zentraler Baustein, moderne Versorgung auf jeden Fall, und Gesundheit findet nicht nur im Krankenhaus statt, sondern im Alltag der Menschen. Das Gesundheitshaus ist eben eine erste Anlaufstelle, offen, niedrigschwellig, mitten im Stadtteil – so muss man sich das vorstellen.
Pflegeberatung, Prävention und Vernetzung greifen hier ineinander und machen Versorgung so vor Ort wirksam.
Moderator:
Ist ja für alte Leute, die ja überwiegend in der Pflege halt auch sind, sehr praktisch, wenn man eben nicht mal eben zu fünf verschiedenen Adressen fahren muss.
Çağla Kurtçu:
Genauso ist es. Sie wissen eben: Niedrigschwellig, ein Ort, eine Einrichtung, wo Sie jederzeit reinkommen können, eben quartiersnah für Sie quasi.
Moderator:
Was bedeutet für dich denn genau niedrigschwellige Versorgung?
Çağla Kurtçu:
Ja, niedrigschwellig heißt auf jeden Fall keine Hürden. Das heißt, wir sind montags bis freitags von 9:30 Uhr bis 18:00 Uhr vor Ort und Menschen können einfach kommen, Fragen stellen, Sorgen äußern, dafür haben wir unseren Tresen, also unseren Empfangsbereich, und dort ist immer jemand anzusprechen.
Wir nehmen uns Zeit, hören zu und erklären in den Gesundheitshäusern. Gerade für Menschen mit Sprachbarrieren, chronischen Erkrankungen und sozialen Belastungen ist das enorm wichtig.
Moderator:
Sonst muss man ja auch oft, gerade wenn es ein bisschen fachspezifischer wird, monatelang auf einen Termin warten. Man kommt auch irgendwie telefonisch gar nicht mehr so durch. Das sind dann immer so Anrufbeantwortersysteme, oder man darf das digital machen und dann kann man immer nicht das anklicken, was man aber gerade braucht als Patientin oder Patient.
Man wird also irgendwie abgewiesen und wenn man jetzt nicht so gut zu Fuß ist, dann kann man eben auch nicht immer persönlich hin, um am Tresen vielleicht dann direkt die Dinge zu klären. Bei euch braucht man also wirklich nicht vorher einen Termin ausmachen, man kommt einfach vorbei.
Çağla Kurtçu:
Genau deshalb eben dieses Niedrigschwellige: Man braucht keinen Termin machen, der erste Kontakt eben ohne Termin am Tresen, einfach reinkommen, jeder ist herzlich willkommen.
Moderator:
Und wenn man anruft, geht auch wirklich ein echter Mensch direkt ans Telefon und man muss nicht fünfmal irgendwelche Ziffern drücken, um am Ende zu hören, ach nee, du darfst heute doch nicht mit jemanden telefonieren?
Çağla Kurtçu:
Genau das ist auch ein sehr wichtiger Punkt für uns. Natürlich wird alles digitaler, jedoch ist es so, dass viele eben auch digital gar nicht unterwegs sind, vor allem die älteren Menschen, und da muss man eben Rücksicht nehmen.
Deshalb ist es uns auch am Telefon sehr wichtig, dass man nicht über die 1 an einen Standort, über die 2 über jemand anderen in Kontakt treten muss bei bestimmten Fragen, sondern es geht wirklich eine echte Person ran und hört sich direkt an, was das Anliegen ist, um adäquat weiterzuleiten.
Moderator:
Welche zwei Begriffe, die dann vielleicht auch auf deiner Visitenkarte draufstehen, erklären deinen Job am besten? Was ist da deine Berufsbezeichnung? Was genau kannst du da mal erklären?
Çağla Kurtçu:
Also auf unseren Visitenkarten – wir nennen sie auch die Terminkarten, wo wir die Termine an die Klienten von uns weitergeben – steht bei uns Community Health Nurse drauf, also unser Berufsbild quasi. Und wir sind auch zum Teil akademisierte Pflegefachpersonen, darunter eben die Community-Health-Nurse-Studiengänge oder die Advanced-Practice-Nurse-Studiengänge.
Man kann sich das so vorstellen, dass als Community Health Nurse man direkt im Lebensumfeld der Menschen arbeitet und man eben Bedarfe früh erkennt und präventiv begleitet. Als Advanced Practice Nurse bringe ich quasi ein erweitertes Kompetenzprofil mit. Das heißt eigenverantwortliches Arbeiten, Beratung, Koordination und wissenschaftlich fundiertes Handeln.
Moderator:
Pflege ist ja auch Teamarbeit, natürlich auch bei euch im Gesundheitshaus. Wie muss ich mir das vorstellen mit deinem Team? Wer ist alles bei einer Schicht dabei?
Çağla Kurtçu:
Wir arbeiten in den Gesundheitshäusern multiprofessionell und sehr eng vernetzt, und man kann sich das so vorstellen, im Kern besteht unser Team aus examinierten, akademisierten Pflegefachpersonen, die direkt im Lebensumfeld der Menschen arbeiten. Pflege spielt dabei eine zentrale Rolle, weil wir Fachlichkeit mit Nähe und Vertrauen verbinden. Genau diese Kombination macht unsere Arbeit eben wirksam.
Moderator:
Mittlerweile kommt jede sechste Pflegefachperson aus dem Ausland und auch in deinem Team werden mehrere Sprachen gesprochen. Du selbst sprichst Deutsch, Englisch und Türkisch. Wie hilfreich ist das bei deiner Arbeit und was machst du, wenn es Sprachbarrieren gibt, die du überhaupt nicht überbrücken kannst?
Çağla Kurtçu:
Mehrsprachigkeit ist auf jeden Fall ein großer Vorteil. Sie schafft Vertrauen, ermöglicht echte Verständigung und erlaubt uns, Brücken zu bauen und als Sprachrohr für die Menschen zu fungieren. Viele aus unserem Team haben selbst einen Migrationshintergrund, so dass wir kultursensible Pflege direkt im Alltag leben und die Bedürfnisse der Menschen besser verstehen und begleiten können. Deshalb ein riesen Vorteil auf jeden Fall.
Moderator:
Ist auch dein Eindruck, dass durch diese Mehrsprachigkeit auch Menschen zu euch kommen, die sich sonst nicht raustrauen aus der Bude?
Çağla Kurtçu:
Also auch zu diesem Thema Niedrigschwelligkeit: Es sind eben für mich keine Hürden, und dass die Muttersprache im Gesundheitshaus auch angeboten wird, nimmt dem Menschen natürlich auch diese Hürde weg, überhaupt in dieses Gesundheitshaus reinzukommen.
Moderator:
Wie ist so ein typischer Arbeitsalltag von dir, kannst du den überhaupt beschreiben, gibt es den?
Çağla Kurtçu:
Die Frage, gibt es den überhaupt, ist sehr gut, weil jeder Tag ist individuell, kein Tag gleicht dem anderen quasi.
Der Kern unserer Arbeit sind die Beratungsgespräche mit den Menschen, die zu uns kommen. Aber der erste Kontakt ist oft niedrigschwellig direkt am Tresen, also an diesem Empfang von uns. Hier erfassen wir die wichtigsten Informationen, erheben eine erste Kurzanamnese und koordinieren pragmatisch, was als Nächstes benötigt wird.
Bei Bedarf führen wir Fallgespräche durch mit anderen Akteurinnen, vor allem mit Fachärzten, Ärzten, Hausärzten, Therapeuten und dem sozialen Netzwerk. Ein weiterer Teil meiner Arbeit passiert im Hintergrund: Wir passen interne Konzepte an, mit denen wir beraten, reflektieren Abläufe, planen neue Angebote und sorgen dafür, dass Pflegeprävention und Beratung kontinuierlich verbessert werden.
Moderator:
Ich schätze mal, Zeit ist ein ganz wichtiger Faktor bei deiner Arbeit. Pflege, da braucht man ja eigentlich Zeit für, auch eben um sich auf die Menschen richtig einzustellen, auch mit denen im persönlichen Kontakt zu bleiben, zu treten. Meistens hat man davon aber viel zu wenig von der Zeit. Wie sieht das bei dir aus? Du bist ein großer Fan von Talking by Walking, also dem Austausch mit den Menschen, während du eine Runde gehst. Ist das immer gut machbar oder ist auch bei dir die Zeit oftmals zu knapp, gerade wenn die Hütte voll ist?
Çağla Kurtçu:
Ja, Zeit ist, glaube ich, überall ein wichtiger Faktor und knapp, und Zeit ist auch bei uns kostbar. Aber wir versuchen bewusst Räume zu schaffen, genau dort entsteht eben Vertrauen und Prävention wirkt. Deshalb ist es sehr wichtig, dass wir uns eben diese Zeit nehmen.
Und ja, ich bin ein großer Fan von Talking by Walking. Darüber hatte ich auch in einem Fernsehbeitrag gesprochen und hatte auch eine Sequenz, wo ich mit einer Klientin das auch durchführen konnte. Dabei gehen wir mit den Menschen durch den Stadtteil, führen Gespräche und erleben so ihren Alltag hautnah. So können wir Bedarfe früh erkennen und gezielt unterstützen, zum Beispiel in Bezug auf Gangsicherheit oder Sturzrisiken.
Moderator:
Und das nimmt doch wahrscheinlich sehr viel Zeit in Anspruch, weil du drehst ja nicht mal eben eine Viertelstunde dann mit einer Pflegeperson.
Çağla Kurtçu:
Definitiv, wir haben aber für unsere Beratungseinheiten 20 bis 30 Minuten Zeit und da bietet sich das ganz gut an. Klar, dafür müssen natürlich die gesundheitliche Situation der Menschen und auch das Wetter zum Beispiel passen, aber ansonsten ist es eine super Methode, nah dran zu sein, und wenn eben die Zeit gegeben ist, dann kann man das gut durchführen.
Moderator:
Das find ich auch voll spannend, weil in diesem natürlichen Umfeld draußen, vielleicht durch den Park gehen, mal eben beim Bäcker vorbei onkeln, da sind die Menschen ja auch ganz anders drauf, als wenn sie jetzt in so einem typischen Praxisalltag irgendwie sind. Was erzählen dir da die Menschen und wie viel Vertrauen haben sie dann auch in deine Fachexpertise?
Çağla Kurtçu:
Sie fühlen sich auf jeden Fall vertraut, weil sie eben in ihrem Umfeld, in ihren Bezirken sind. Es ist nicht immer Thema Gesundheitsberatung, es geht nicht immer um die Diagnose, die eigentlich einen wichtigen Teil dieser Beratung spielen, sondern auch manchmal so Insider, die man wahrscheinlich niemals mitbekommen hätte, weil man selbst nicht aus dem Bezirk kommt.
Moderator:
Auf der Bank hab ich das erste Mal geknutscht vor 80 Jahren.
Çağla Kurtçu:
Ja, also sehr, sehr interessante Themen, wo man jedes Mal auch den Stadtteil selbst noch mal neu kennenlernt, weil man selbst nicht aus der Region kommt. Also es geht nicht nur um das pflegerisch Medizinische.
Moderator:
Und wie machst du das denn, also hakst dich ein bei deiner Pflegeperson und dann kommt man sich auch ein bisschen näher und dann watschelt man so los.
Çağla Kurtçu:
Es ist immer sehr unterschiedlich, man muss die Menschen ja auch so ein bisschen einstudieren und einfühlsam sein. Es sind verschiedenste Backups, also es können auch Diagnosen sein, die psychische Belastungen hervorrufen, wo der körperliche Kontakt jetzt nicht quasi gut wäre. Da muss man echt empathisch sein und Feinfühligkeit zeigen. Aber es gibt auch durchaus ältere Menschen, die es in dem Moment lieben, dass man denen einmal anbietet, dass sie sich einhaken können oder dass man beim Gehen merkt, okay, der ist total verkrümmt im Gangbild, wo man dann einmal den Rücken anfasst und sagt, okay, wo sind denn die Schmerzen? Da merkt man, es tut denen in dem Moment auch gut. Also, es ist sehr, sehr individuell.
Moderator:
Gibt es ein Gespräch oder eine Situation bei deiner Arbeit, die dir in all den Jahren besonders in Erinnerung geblieben ist, wenn du so unterwegs warst mit den Menschen?
Çağla Kurtçu:
Ja, sehr gute Frage, einer meiner Lieblingsfragen. Es gibt so viele Gespräche, die mir im Gedächtnis geblieben sind. Alle Gespräche sind sehr, sehr wertvoll. Besonders prägend sind aber die Situationen, in denen Menschen im Gesundheitssystem schlicht verloren gehen.
Und ich denke zum Beispiel an einen älteren, hoch pflegebedürftigen Herrn, der große Schwierigkeiten hatte, mit Ärzten zu kommunizieren und medizinische Abläufe zu verstehen. Überweisungen, Facharzttermine, Entscheidungen – all das war für ihn kaum nachvollziehbar. Gemeinsam im Pflegearzt-Tandem haben wir ihn begleitet, erklärt, vermittelt und dafür gesorgt, dass die pflegerisch-medizinische Versorgung wirklich bei ihm auch ankam. Das war sehr, sehr wertvoll. Wir haben dort sehr viel bewegen können.
Oder ich denke an Kinder, die als Übersetzer für ihre Familie bei medizinischen Terminen agieren mussten. Kinder, die früh Verantwortung übernommen haben, die sie eigentlich nicht tragen sollten, während ihre eigenen Bedürfnisse unsichtbar geblieben sind. Genau diese Situationen zeigen mir immer wieder: Indem wir früh ansetzen, gut zuhören und vernetzt arbeiten, unterstützen wir Menschen, Familien und Kinder vor allem – und leisten echte Prävention. Langfristig können wir damit viel bewirken.
Moderator:
Talking by Walking, klasse Konzept. Seit 1999 ehrt der Deutsche Pflegerat Persönlichkeiten und Institutionen, die sich herausragend für die Pflege und das Hebammenwesen einsetzen. 2025 hast du den Deutschen Pflegepreis erhalten. Was bedeutet dir diese Auszeichnung?
Çağla Kurtçu:
Ja, ich empfinde große Dankbarkeit und auch Stolz, natürlich vor allem stellvertretend für mein Team und für die Pflege insgesamt. Und dieser Preis zeichnet nicht nur meine Arbeit aus, sondern macht eben sichtbar, was professionelle Pflege leisten kann, wenn man ihr Vertrauen, Zeit und Gestaltungsspielraum gibt.
Für mich ist es weniger eine persönliche Auszeichnung als ein Zeichen der Anerkennung für eine Profession, die oft zu wenig gesehen wird. Deshalb bin ich sehr dankbar und stolz.
Moderator:
Die Jury hat dich für die Entwicklung von innovativen Pflegekonzepten ausgezeichnet, für deine Empathie, deine Professionalität und die Verbindung von Gesundheitsversorgung mit der Lebenswirklichkeit der Menschen. Kannst du uns ein bisschen mehr über die innovativen Pflegekonzepte erzählen? Was hast du mit deinem Team bereits umgesetzt? Ja, und was wollt ihr vielleicht in Zukunft noch umsetzen?
Çağla Kurtçu:
Für mich sind innovative Pflegekonzepte keine abstrakten Modelle, sondern konkrete Antworten auf reale Versorgungslücken. Im Gesundheitshaus haben wir Strukturen geschaffen, in denen Pflege eigenständig wirkt, also niedrigschwellig, präventiv und vernetzt.
Konkret heißt das: Pflegepersonen, also Pflegefachpersonen, sind bei uns die erste Anlaufstelle. Wir klären Bedarfe, koordinieren früh Versorgung, begleiten Menschen über längere Zeit und arbeiten eng mit Ärzten, Therapeuten und dem sozialen Netzwerk im Stadtteil zusammen.
Ein zentraler Punkt ist dabei, dass wir Gesundheit nicht nur medizinisch denken, sondern immer im Zusammenhang mit den Lebensrealitäten der Menschen, also damit, wie sie ihre Erkrankungen in den Alltag integrieren – sprachliche und kulturelle Zugänge, Zeit für Gespräche, aufsuchende Arbeit, all das ist Teil unseres Konzeptes.
In Zukunft möchten wir diese Rolle der Pflege weiter stärken, definitiv mit klaren Kompetenzen, stabilen Strukturen und einer stärkeren Verankerung von Community Health Nursing in der kommunalen Versorgung, also als festen Bestandteil des Systems.
Moderator:
Was wünscht du dir jetzt generell für die Pflege und die Versorgung der Menschen?
Çağla Kurtçu:
Ich wünsche mir für die Zukunft, dass Pflegefachpersonen ihre Expertise voll einbringen dürfen, mit klar definierten Kompetenzen, Vertrauen und Gestaltungsspielraum. Denn Pflege kann mehr, als sie aktuell darf – und ich wünsche mir, dass Pflege als eigenständige Profession konsequent mitgestaltet und mitgedacht wird in Strukturen, in Entscheidungen und in der Finanzierung, also bundesweit flächendeckend und vor allem dauerhaft.
Pflege ist eine Profession, die Gesundheit gestaltet und Lebensqualität schafft. Dadurch werden Chancengleichheit gefördert und Vertrauen in das Gesundheitssystem gestärkt. Genau diese Versorgung brauchen die Menschen.
Moderator:
Gibt es etwas, was dich total stört, ist dir in der Ausübung deiner Arbeit auch irgendwie etwas Negatives passiert, gibt es Kritik, vielleicht gibt es Stimmen links und rechts, die das gar nicht toll finden?
Çağla Kurtçu:
Also es ist immer wieder mal so, dass von Doppelstrukturen gesprochen wird, weil viele einfach noch nicht gesehen haben, was die Gesundheitshäuser, was Community Health Nurses quasi machen. Im Sinne von: Wir sind keine Sozialarbeiter, wir machen keine Sozialberatung. Das kann eben störend sein. Wir brauchen diese Expertise auch, dort navigieren wir bei Bedarf, aber wir selbst sind eben Pflegefachpersonen und gehen eher auf das pflegerisch Medizinische ein.
Und dann ist auch immer wieder wichtig zu erwähnen, dass wir keineswegs Konkurrenz zu Ärzten sind, sondern ergänzend agieren und unterstützend.
Moderator:
Gibt es in deinem privaten Umfeld auch irgendein Beispiel für Pflege, was dich vielleicht motiviert hat, auch in diesem Beruf tätig zu sein?
Çağla Kurtçu:
Also, es ist so, dass ich selbst ja Migrationshintergrund habe, also türkischen Migrationshintergrund, und auch schon in frühen Jahren anfangen musste, für die Familie zu übersetzen, gerade auch so bei Amtsgängen oder Arztbesuchen. Und auch, obwohl ich selbst gar nicht verstanden hatte, was ich da gerade übersetze, habe ich einfach übersetzt. Das hat dazu beigetragen, dass ich auch schon dort wusste, okay, das darf eigentlich nicht sein und das müsste ich irgendwie später mal ändern, also im Sinne von, deshalb jetzt die Brückenbauerin, die sich gerade dafür einsetzt, dass eben Familien und vor allem Kinder präventiv in ihrer Gesundheit unterstützt werden, indem sie vielleicht für sowas auch nicht agieren müssen.
Moderator:
Ja, Brückenbauerin find ich sehr schön, ich hab so ein bisschen rausgehört, da steckt vielleicht auch eine Prise private Çağla mit drin. Wann ging das los, wie alt oder wie jung warst du, als du quasi schon als Dolmetscherin für die Family aktiv warst?
Çağla Kurtçu:
Definitiv würde ich sagen, ich war quasi die Brückenbauerin unter zwei weiteren Geschwistern in der Familie und ich habe glaube ich schon mit acht oder neun Jahren beim Übersetzen unterstützt, gerade auch bei meinem Opa väterlicherseits. Der war selbständiger Schneider und hatte sein Atelier im Haus, wo wir zusammen gelebt haben. Und dort fing es auch schon an, dass man übersetzt hat für die Kunden. Dann ging es weiter mit: Ruf mal den Arzt an und das möchte ich wissen, kannst du mal fragen nach den Tabletten, wie sollte ich die jetzt einnehmen oder bei der Apotheke?
Moderator:
Super wichtig vor allem auch, ja.
Çağla Kurtçu:
Ja genau, und da habe ich schon früh angefangen zu übersetzen.
Moderator:
Opi, ich sag dir, wie du die Tabletten einnehmen darfst, wenn ich heute noch zwei Stunden „Peppa Wutz“ gucken darf.
Çağla Kurtçu:
Ja, guter Einwand, ich habe damals nicht daran gedacht, aber es wäre gut gewesen, eigentlich.
Moderator:
Und was für schlimme bürokratische Behördenwörter hast du dann als ganz junger Mensch mit acht Jahren dann schon gelernt? Gibt es da etwas, was dir aufgefallen ist, wo sich deine Familie vielleicht mit rumschlagen musste?
Çağla Kurtçu:
Ja, also in der Vergangenheit habe ich einige Begriffe mitgenommen. Wenn wir jetzt heute mit der Familie zusammensitzen, lachen wir noch darüber, aber häufig waren so Themen wie das Finanzamt oder „Sachbearbeiter“, das habe ich mir gemerkt, das war eine Begrifflichkeit, die musste ich lernen und das in die türkische Sprache zu übersetzen.
Ich weiß noch, dass ich damals noch im Duden, da hatte man ja das Internet noch nicht so, nachgeschlagen habe, um zu gucken, was heißt das eigentlich, wie übersetze ich das und was macht diese Person eigentlich.
Moderator:
Wie wär's mit einem türkischen Wort für Sachbearbeiter?
Çağla Kurtçu:
Evrakçı könnte man dazu sagen, genau. Und dann waren so Tabletten immer ein Thema, zum Beispiel ACC sagte mein Opa immer, dabei war es eigentlich ASS, also eine ganz andere Richtung an Tablette. Aber die Buchstaben im Türkischen, im Deutschen sind halt auch noch mal unterschiedlich und dann kann man mal sehen, wie viel man eigentlich falsch verstehen oder falsch machen kann, weil ACC ist ja noch mal so was ganz anderes als ASS-Tabletten, ne.
Und der hat das immer als ACC Begrifflichkeit benutzt und ich musste ihm immer sagen, nee Opa, das ist ASS und das ist was anderes. Aber damals wusste ich zum Beispiel gar nicht, was das eigentlich im Körper macht. Für mich waren das immer Kopfschmerztabletten, weil Opa das so gesagt hat und ich war eben zu jung, um vom Arzt zu verstehen, dass das eigentlich für die Blutgerinnung mit ist, was er täglich eigentlich so eingenommen hat.
Moderator:
Und als Achtjährige ist es ja auch eigentlich gar nicht dein Thema. Insofern hast du da schon ganz früh sehr große Verantwortung gehabt und das macht auch deutlich, wie wichtig deine Arbeit mit deinem Team ist, damit eben hier Barrieren abgebaut werden, zum Beispiel bei der Verständigung, und damit Menschen auch in einer vertrauensvollen Umgebung die Pflege kriegen können, die sie benötigen, damit alle gut am Leben teilhaben können.
Çağla Kurtçu:
Definitiv würde ich so unterschreiben und auch heute, wenn wir Familien beraten oder ich Kinder berate, achte ich sehr darauf.
Es ist auch so, dass man versucht, das Selbstwertgefühl von den Kindern nicht zu kränken, wenn sie zum Teil stolz darauf sind, dass sie eben beim Arzt übersetzt haben und meinen zu verstehen, was jetzt die Mutter oder der Opa einnehmen soll, und wir dann noch mal uns versuchen, vorsichtig anzutasten: Okay, das ist jetzt eigentlich nicht dafür, sondern das sind Medikamente, die sind für den Blutdruck und die haben was mit dem Herzen zu tun. Und das ist sehr, sehr wertvoll.
Moderator:
Ja, wenn hier bei Herzschlag inspirierende Menschen zu Gast sind, dann gibt es für sie immer ein paar Sätze zum Vervollständigen, auch für dich natürlich. Ich beginne einen Satz und du beendest ihn schnell. Bist du bereit?
Çağla Kurtçu:
Ja, sehr spannend, bereit.
Moderator:
Ich würde mich immer wieder für die Pflege entscheiden, weil …
Çağla Kurtçu:
Weil ich hier Gesundheit nicht nur begleite, sondern aktiv mitgestalten kann, nah an den Menschen.
Moderator:
Mein Team ist für mich …
Çağla Kurtçu:
Mein Team ist für mich das Herz unserer Arbeit, fachlich stark, engagiert und mit echter Haltung.
Moderator:
Nach einem stressigen Arbeitsalltag gibt …
Çağla Kurtçu:
… mir der Kontakt mit den Menschen und das Gefühl, etwas bewirkt zu haben, neue Kraft.
Moderator:
Das Lustigste, was mir mal bei der Arbeit passiert ist, war …
Çağla Kurtçu:
Sorry, ja, guck mal, ich hab was ganz Gutes. Das Lustigste, was mir bei der Arbeit passiert ist, war, dass ich einen Klienten anhand seiner Glatze mit jemandem vertauscht hatte und dann so lachen musste und auch zugegeben hab, dass ich mich an seiner Glatze orientiert hatte. Es kam aus dem Nichts raus und ich muss noch heute darüber lachen und wir haben alle so herrlich zusammen gelacht. Also, es war – man kann auch Menschen an Glatzen definieren – wusste ich doch.
Moderator:
Können Sie sich ganz kurz mal vorbeugen, weil … ah nee, falsche Glatze, wo ist die andere Glatze?
Çağla Kurtçu:
So, ja, als der Mensch sich dann umgedreht hat, wusste ich, okay, es ist nicht die Person.
Moderator:
Der Deutsche Pflegepreis, der steht bei mir …
Çağla Kurtçu:
… für Anerkennung und Sichtbarkeit, nicht nur für mich, sondern für die Pflege als Profession.
Moderator:
Und ich hatte eigentlich ganz profan gedacht: … in der Vitrine, aber so ist es auch ganz okay als Antwort.
Çağla Kurtçu:
Ja, kann man eigentlich auch so sagen, eine Zeit stand er auch im Gesundheitshaus, jetzt steht er bei mir zu Hause im Regal.
Moderator:
Mein Wunsch oder meine Forderung an die Politik ist, dass …
Çağla Kurtçu:
… Pflege endlich als eigenständige Profession anerkannt wird, mit klar definierten Kompetenzen, verlässlicher Finanzierung und langfristiger Perspektive.
Moderator:
Çağla, vielen Dank für deine Arbeit, die so wichtig ist. Menschen wie dich brauchen wir im Gesundheitswesen, damit Kranke und Pflegebedürftige bestmöglich versorgt werden können. Vielen Dank, dass wir dich, dein Team und deine Arbeit heute so ein bisschen näher kennenlernen durften.
Çağla Kurtçu:
Ja, vielen Dank auch an euch für die Einladung und dafür, dass ich hier dabei sein durfte. Es war mir eine große Freude, im Podcast über Pflege und das erste Mal im Podcast über Pflege und Gesundheit und unsere Arbeit als Community Health Nurses in Gesundheits Hamburg sprechen zu können.
Moderator:
Wenn ihr noch mehr aus unserer Reihe inspirierende Branchenpersönlichkeiten hören wollt, ja, dann klickt mal in die Shownotes dieser Podcastfolge. Dort findet ihr Links zu weiteren Folgen, zum Beispiel auch mit Toni Selz, der 2023 zum Pfleger des Jahres gekürt wurde. Er ist Stationsleiter in der Neurochirurgie im BG Klinikum Bergmannstrost in Halle und hat ebenfalls innovative Pflegekonzepte entwickelt. Von ihm ist ein Konzept, das dabei hilft, die hohen Ausfallzeiten des Pflegepersonals besser zu kompensieren.
Reinhören lohnt sich. Wir hören uns dann in zwei Wochen wieder. Wenn euch der Podcast gefällt, dann empfehlt ihn gerne weiter, lasst ein Like da und dann könnt ihr auch euren Kolleginnen und Kollegen Bescheid sagen, dass es Herzschlag gibt. Bis zum nächsten Mal.
Jingle:
Herzschlag! Für ein gesundes Berufsleben – der BGW-Podcast.
Interviewgast
Çağla Kurtçu
Examinierte und akademisierte Gesundheits- und Krankenpflegerin, pflegerische Führungsposition in den Gesundheitshäusern und Gesundheitskiosken in Hamburg
Preisträgerin: Deutscher Pflegepreis 2025
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